Das Sportgerät Hund

Das Thema liegt mir sehr am Herzen, da ich aus der Agilty-Szene bin und selbst auch auf einigen Turnieren war. Als Jugendliche habe ich bis zu einem Unfall und einer sportbeendenden Verletzung viel Leichtathletik betrieben und der Wettkampfsport ist mir nicht fremd. Ich habe viele Wochenenden in diversen Stadien und auf vielen Wettkämpfen und Meisterschaften verbracht. Wie gesagt: mir ist das alles nicht fremd… nein, es gehört zu mir, wie meine grünen Augen oder meine Wuschellocken. Diese Jugend hat mich ebenso geprägt, wie meine Hunde und mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Aber… ja, es gibt ein aber.

Sportgerät Kind

Man sieht und erlebt vieles. In meiner Jugend habe ich ehrgeizige Eltern kennengelernt, die ihre Kinder bis zum Äußersten gedrillt und trainiert haben. Das hatte nichts mehr mit Spaß zu tun. Nein, Erfolge mussten her, auf Biegen und Brechen. Wenn dann die erwartete Leistung sich nicht einstellte, waren alle anderen Schuld. Die Anlage schlecht, die anderen Athleten unfair, die Kampfrichter blind, die Wettkampfleitung mit der Planung etc. Jede Ausrede war recht, anstatt zu akzeptieren, dass das eigene Kind zwar gut ist, aber diese hohen Erwartungen nicht erfüllen kann.

Sportgerät Hund

Nicht viel anders erlebt man es auf dem Hundeplatz. Ich selber bin im Agility und Rally Obedience gestartet. Das schöne an Rally Obedience ist ja, dass es nahezu jeder Hund machen kann. Ruhige, kontrollierte Bewegungen. Perfekt! Aber… im Agility muss der Hund fit sein. Richtig fit. Es ist ein Hochleistungssport und dafür muss der gesamte Aufbau stimmen. Die Hunde müssen durchtrainiert und ordentlich bemuskelt sein. Natürlich sollten sie auch rank und schlank sein. Jedes Gramm zuviel auf den Rippen belastet die Gelenke zusätzlich, als es der Sport ohnehin schon tut. Die Parcours sind anspruchsvoll, aber so ausgelegt, dass die Hunde ihn bewältigen können. Das A und O ist der Trainingsaufbau. Wenn die Hunde von Anfang an gelernt haben, die Geräte sauber und kontrolliert abzuarbeiten, dann ist die Verletzungsgefahr trotz der hohen Geschwindigkeiten recht niedrig. Natürlich kann immer was passieren, aber ein gewisses Risiko beinhaltet schließlich jede sportliche Betätigung.

Ich hab es zwar auch schon im Turnierhundesport gesehen, dass der Hund die Hindernisbahn in so einem Tempo absolviert, dass er weit entfernt von jeglicher Kontrolle ist und sich beim Überqueren mancher Hindernisse fast überschlägt, aber immerhin ist es eine Gerade. Im Agility dagegen werden die Hindernisse in einem sehr verschlungenen Weg absolviert und es wirken ungeheure Fliehkräfte auf den Hundekörper. Versteht mich nicht falsch. Ich finde Agility ist eine wunderbare Sportart und ich liebe es, hätte es auch gerne, wenn Shiva Agility machen könnte, aber das ist nunmal nicht so.

Ich hab Shiva schon bereits im Aufbau aus dem Agility herausgenommen und sportel nur Just-for-Fun mit ihr. Wenn ich mal wenig Teams im Training habe, kann es sein, dass Shiva ein komplettes Training mit macht. Sie hat auch jede Menge Spaß dabei und kann es super. Aber… unser großes aber sind Shivas Ellenbogen. Schon als Junghund hat sie auffällig viele Stolperer hingelegt. Also hab ich sie in der Physio durchchecken lassen. Dort wurde festgestellt, dass sie Schnappsehnen an beiden Ellenbogen hat und insgesamt ihre Gelenke sehr locker sind. Mit etwas Muskelaufbau hab ich das dann hingekriegt, dass sie stabiler steht und auch nicht mehr stolpert. Nun fiel mir aber auf, dass sie hohe Sprünge gerne verweigert hat und unten durch getaucht ist. Sie springt, hopst und rennt aber unauffällig, wenn sie mit mir beim Tricksen oder Gassi ist.

Was ist nun also das Problem?

Schnell hab ich gesehen, dass sie nicht schön landet. Beim Toben landet sie nahezu immer auf allen vier Pfoten gleichzeitig, oder auf den hinteren zuerst. Beim Agi ist ihr das nicht möglich, da muss sie das gesamte Gewicht und den Schwung vorne abfangen. Hier war also ihr Problem. Nach genauerem Beobachten habe ich gesehen, dass sie die hohen Sprünge (Shiva müsste Large springen) zwar ohne weiteres überspringt, ihr aber die Landung arge Probleme bereitet. Da mir die Hundegesundheit vorgeht, habe ich Shiva aus dem Agi-Turniersport herausgenommen und lass sie im Training Mini springen, wenn sie mal mit macht. Meistens macht sie aber nicht mit, weil ich ja schließlich auch noch Longiere, Rally Obedience mache und trickse. Ich finde… man kann es auch übertreiben… Shiva vermisst das Agility nicht sonderlich und es ist so ab und zu eine willkommene Abwechslung.

Nachdem ich diesen Entschluss gefasst und auch so kund getan hatte, hab ich von den meisten breite Zustimmung geerntet. Schließlich will ich von dem Hund ja noch lange Zeit was haben und ihn nicht mit 5 Jahren (mittlerweile ist sie 5) wegen schwerer Arthrose oder ähnlichem einschläfern lassen müssen. Auch, wenn es meine Entscheidung ist und ich dazu stehe, hab ich von anderen schon anderes erlebt und gehört.

Sportgerät Hund

Auf Turnieren sieht man manchmal erschreckendes. Da wird ein 13 Jahre alter Schäferhund mit Arthrose durch einen Parcours gescheucht. Man sieht dem Hund an, dass er es für seinen Menschen tut, aber hätte er die Wahl… er würde lieber auf dem Sofa liegen oder durch eine Wiese schnüffeln. Als Ausrichter unseres Turniers hab ich mich daher gegen die Senior-Klasse entschieden und biete es schlichtweg nicht an.

Aber auch junge Hunde, die voll in der Blüte ihrer Jugend stehen und ein langes glückliches Leben vor sich haben, werden „verheizt“. Diese Hunde sind dann grade mal 15 Monate alt, haben die BH im Fell und müssen schon ihre ersten Turnier laufen. Die Belastung ist enorm und der Hund ist mit ach und krach ausgewachsen. Aber, um ein Turnier laufen zu können, muss er vorneweg ja schon viel trainiert haben. Also wurde er im Wachstum über Sprünge geschickt, durch den Slalom geführt und hat alle Geräte bereits mit Tempo absolvieren müssen. Ich persönlich finde das unverantwortlich. Was richtet diese frühe und hohe Belastung im Hundekörper an?

Das Ende vom Lied hab ich auch schon gesehen und mitbekommen. Da ich ja auch auf Turnieren unterwegs bin, kenne ich die üblichen Verdächtigen bereits. An Turnieren im April sind sie mit 4 Hunden da, zwei starten, zwei befinden sich noch im Aufbau. Treffe ich die selben Personen im Herbst an, da starten die zwei jüngeren Hunde und die beiden anderen wurden ausgemustert und einfach verkauft. Das Sportgerät hat ausgedient und wurde in Rente geschickt. Aber nicht auf dem heimischen Sofa und im Kreise seiner Familie. Nein, er hat sich gefälligst an eine neue zu gewöhnen. Oder der junge im Aufbau befindliche Hund, zeigt Unsicherheiten, bringt nicht die gewünschte Leistung oder braucht einfach länger… dann passt er nicht ins Rudel und wird eben weggegeben.

Ich finde das schrecklich. Wenn ich mich doch für einen Hund entscheide, dann für immer. Es ist keine Anschaffung, wie ein Auto oder ein Paar Turnschuhe. Es ist ein Familienmitglied und ich gebe ja auch nicht meinen kleinen Bruder weg, bloß weil er nervt. (Ich hätte meinen kleinen Bruder niemals hergeben können und vermisse ihn, weil ich ihn so selten sehe.) Es gibt natürlich auch Gründe, einen Hund abzugeben, die plausibel, nachvollziehbar und gut für den Hund sind, aber ich könnte es nicht. Meine Maus hätte ich niemals hergeben können, bloß weil sie nicht als Agi-Hund geeignet ist.

Ja, ich hab dich auch lieb.

Man bekommt so einiges mit… da starten Leute in einem Jahr mit einem Mischling oder einer Rasse, die nicht zwingend prädestiniert für Agility ist, haben Erfolge, kommen aber nicht weiter. Das Jahr drauf ist dann immer der Border Collie Welpe oder Sheltie Welpe dabei und wieder ein Jahr später startet dann dieser Hund und das ältere Modell ist halt noch dabei… Erstaunlich, wie viele Border Collie Liebhaber es plötzlich gibt. Könnte es daran liegen, dass diese Hunde durch ihre Geschwindigkeit und Agilität super für Agility geeignet sind? Ein Schelm, wer da Absicht dahinter sieht.

Ein Team

Flauschige Grüße

Sandra & Shiva Wuschelmädchen

❤ Falls dir mein Geschreibsel gefällt, wäre es echt knorke, wenn du es teilst.

11 Kommentare

  1. Ich finde eigentlich, dass Deine Worte überflüssig sind. Ich das nicht normal? Uns wurde ein Lebenwesen anvertraut, mit dem wir respektvoll umzugehen haben. Ist mein Hund erkrankt oder hat keine Freude an einer Aktion, dann wir sie beendet. Für mich selbstverständlich.

    Und warum gibt es keine Tierärzte, Trainer, Ringrichter, die “ ehrgeizigen und uneinsichtigen“ Hundehalter stoppen?

    Deine Ehrlichkeit gefällt mir und der Einblick in die Szene war sehr ernüchternd.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

    • Hallo Sabine,
      ich habe wirklich lange mit mir gerungen, wie ich es formuliere. Es sind selbstverständlich nicht alle so.. Eigentlich sind es nur ein paar schwarze Schafe. Aber genau diese fallen sehr auf und bleiben im Gedächtnis präsent.

      Zu deiner Frage, warum da keine Trainer, Richter oder Tierärzte einschreiten… sie tun es, aber vielleicht nicht konsequent genug. Bis so ein Regelwerk geändert ist, dauert es. Eigentlich sollte man die Regeln enger fassen, damit Hunde vielleicht erst mit 18-20 Monaten und nicht schon mit 15 Monaten starten dürfen. Ich denke, diese paar Monate könnten den jungen Hunden helfen. Richter stoppen auch einen Lauf, wenn sie sehen, dass der Hund humpelt oder verletzt ist… aber solange er gut läuft und keine Auffälligkeiten zeigt, darf er starten.

      Trainer… Ich bin auch Trainer. Ich beobachte und nehme auch mal einen Hund aus dem Training, empfehle Pausen, einen Besuch bei der Physio oder Tierarzt. Aber ich kann den Leuten nicht vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben. Ist ein Hund aber deutlich überfordert oder hat eine Verletzung, dann darf er nicht trainieren. Hat ein Hund nachgewiesen eine Erkrankung des Gelenkapparates, dann darf er bei mir nicht trainieren. Hat ein Hund Übergewicht, dann muss er erst abnehmen und darf keine Sprünge machen, die anderen Geräte darf er kontrolliert üben. Du siehst… man kann viele Abstufungen machen. Ich sage ja, der Aufbau ist das A und O. Wenn ich meinen Agi-Leuten die Kontaktzonengeräten beibringe, dann stehen die Hunde am Ende der Zone und müssen das Gerät vollständig überlaufen. Viele andere lassen ihre Hunde die Zone überrennen/-springen und der Hund lernt nicht „two on – two off“, sondern Hauptsache schnell und eine Pfote noch irgendwie in der Zone. Die Fliehkräfte, die da auf einen Hundekörper wirken, sind enorm und das muss ja auch irgendwie abgefangen werden…

      Vielleicht kann ich ja durch meine Ehrlichkeit manch einen zum Nachdenken anregen. Ich hoffe es.

      Flauschige Grüße
      Sandra & Shiva

  2. Traurig, dass du solche Worte schreiben musst. Wenn Menschen vom Ehrgeiz zerfressen sind, verlieren sie jede Menschlichkeit.
    Ich wünschte mehr Menschen würden einfach nur den Spaß an der gemeinsamen Unternehmung suchen und wie ihr den Sport nach den Gegebenheiten und Bedürfnissen des Hundes wählen.
    Toll, dass ihr beide dafür einsteht.
    Herzliche Grüße
    Stephie mit Enki und Luna

    • Vielen Dank! Leider ist die heutige Gesellschaft so… Schneller, höher, weiter… davor macht auch der Hundesport nicht halt. Aber es sind ja nicht alle so. Ich erlebe es oft, dass Alternativen gesucht und gefunden werden, damit der Hund Spaß und Freude am Training und am Sport hat und beide – Hund und Halter – gesund durchs Leben kommen.

      Flauschige Grüße
      Sandra & Shiva

  3. Gerade die Sache mit den Border Collies kann ich nicht verstehen. Wer einen Border Collie mal an Schafen erlebt hat, sieht einen Hund der komplett lautlos arbeitet. Die Bewegungen sind schleichend, fast fließend. Der Hund strahlt Ruhe aus. Das hat nichts mit den schreienden Rassevertretern, die krasse Stops und Wendungen im Agility hinlegen, zu tun. Für mich passen Border Collies und Agi auf Wettkampfniveau daher nur sehr selten zusammen.

  4. Liebe Sandra, deine Worte sprechen mir aus dem Herzen. Einmal im Jahr ist hier Hundemesse mit Agiturnier und jedes Jahr sitze ich schimpfend da.
    Ich hätte das auch gern mit Adgi gemacht aber er ist trampelig, er kann im Slalom sein Hinterteil nicht einschätzen und so weiter. Deswegen kommt es für uns nicht in Frage, denn er hat einfach kein Interesse daran.. Ist doch egal, dass er jetzt Superhund in anderer Leute Augen ist.

    Du hast einfach so recht!

    Liebe Grüße

    Anika und ihr Trampeltier

  5. Ich finde es schlimm wenn man andere lebewesen, egal ob kind oder hund, wegen dem eigenen ehrgeiz so drillt. Wobei ich mit wettkämpfen generell nix am hut hab. Agility haben wir von vornherein ausgeschlossen, da odin (meiner meinung nach) dafür einfach zu groß und schwer ist. Da hätte ich angst um seine gelenke. Außerdem bei einem parcour drauf los preschen kann er sowieso. Etwas ruhig und überlegt zu machen fällt ihm da schon schwerer und mir kommt vor, dass es vielen hunden so geht. Ich hab mich grad gefreut als ich die tafelchen auf den fotos gesehn hab. Wir machen seit einigen wochen auch rallye obedience und sind total begeistert. Und es ist toll zu sehen wie viel spaß auch die hunde dabei haben, wenn frauchen oder herrchen mal wieder über die eigenen füße stolpern oder erstmal überlegen müssen, wo denn jetzt rechts ist. Hin und wieder darf er dann zum schluss auch nochmal über ein paar hindernisse fetzen 😉 sozusagen als belohnung.
    Euch noch viel spaß dabei,
    Julia und odin

    • Vielen Dank für deine netten Worte. Jaaaa, Rally Obedience ist voll unser Sport. Shiva hat einen riesengroßen Spaß dabei und morgen gehts auch auf ein Turnier. Just for fun! Wenn es klappt, ist es schön, wenn sie Spaß hat, ist es noch besser. Auf Punkte schau ich nicht. Ich achte darauf, dass wir es mit viel Freude machen, der Rest ergibt sich eben.

      Euch auch viel Spaß und Erfolg beim Rally Obedience.

      Flauschige Grüße
      Sandra & Shiva

  6. Hallo Sandra,
    vielen Dank für diesen ehrlichen Artikel.

    Für uns mit zwei Chihuahuas war es gar nicht so einfach, einen Verein fürs Agilitytraining zu finden. „Kauft euch doch erst mal richtige Hunde, wenn ihr Hundesport machen wollt“.

    Wir haben dann zum Glück doch noch einen tollen Verein gefunden. Das erste halbe Jahr nur mit am Boden liegenden Stangen und Kontaktzonentraining. Springen durften unsere Zwerge erst als sie schon über ein Jahr alt waren und auch da haben wir die Höhe langsam gesteigert. Geräte kamen nach und nach dazu, am Slalom arbeiten wir bis heute.
    Seit diesem Jahr starten wir auch mal das ein oder andere Turnier – just for fun! Solange die Hunde Spaß daran haben und wir auch, ist unser Ziel erreicht.

    Solche „Schwarzen Schafe“ haben wir auch schon häufiger gesehen. Sobald ein Fehler passiert, wird abgebrochen und entweder wortlos der Parcours verlassen oder der Hund bekommt auch noch einen Rüffel. Das zu sehen macht mich jedesmal mehr als traurig und umso mehr gebe ich mir dann Mühe, dass mein Zwerg Spaß hat und sich auf sein wöchentliches Training freut.

    Liebe Grüße Annika

    • Liebe Annika,
      es freut mich, dass ihr einen tollen Verein gefunden habt und dort auch ernst genommen werdet. Ich habe schon einige Agility-Chis gesehen und die rocken so einen Parcours ganz großartig. Bei uns trainiert derzeit auch ein Chihuahua und der ist ganz schön fetzig unterwegs. Seine Begeisterung ist so überschäumend, dass sie richtig ansteckend ist.

      Flauschige Grüße
      Sandra & Shiva

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.